Kolumne "On my mind"  #1 Nicht die Mama 

19.02.2021  Lesezeit: 4 Minuten

Input

Am 21. Februar begeht die UNESCO zum 21. Mal den internationalen Tag der Muttersprache, um nach eigener Auskunft die sprachliche Vielfalt weltweit und mehrsprachigen Unterricht zu fördern.

Der Verband binationaler Familien und Partnerschaften schreibt als Definition für Muttersprache folgendes:  Mit  dem Begriff Muttersprache wird in der Regel die erste erlernte Sprache  bezeichnet. Der Begriff Muttersprache – manchmal auch als Vatersprache  bezeichnet – stellt keine wissenschaftliche Definition dar.  Muttersprache muss nicht unbedingt mit der Herkunft korrelieren, sondern  kann eine Sprache sein, mit der man sich identifiziert oder die man am  häufigsten verwendet. Sie kann sich mit den Lebensumständen verändern,  so dass die zuerst gelernte Sprache als Muttersprache nicht mehr  gebraucht und verdrängt wird. Kinder, die in mehrsprachigen Familien  aufwachsen, entwickeln oft zwei oder auch drei Sprachen, die sie als  Muttersprachen nutzen.

Der Duden sagt dazu: Sprache, die ein Mensch als Kind (von den Eltern) erlernt [und primär im Sprachgebrauch] hat.

Fragt mich jemand nach  meiner Muttersprache, höre ich in meinem Kopf immer die Stimme des Babys  von „Die Dinos“ (einer Super RTL Kinder-Serie aus den 90ern), das „Nicht die Mama, nicht die Mama, nicht die Mama!“  schreiend und mit der Pfanne auf den Kopf von Papa-Dino eindreschend,  seinen Unmut darüber ausdrückt, dass der Papa nicht die Mama ist. So  ähnlich geht’s mir auch, nur dass es bei mir heißen würde „Nicht die  Muttersprache, nicht die Muttersprache!“ usw.. Liebend gerne würde auch  ich mit der Pfanne auf den Kopf der fragenden Person einkloppen und  folgende Fragen dabei stellen:

  • Was meinst du damit? Doing (dumpfes  Geräusch, das die imaginär geschwungene Pfanne beim Aufprall auf dem  Schädel meines Gegenübers macht). Willst du wissen, welche Sprache ich  besser spreche? Doing. Willst du wissen, welche Sprache ich zuerst gelernt habe? Doing. Oder willst du wissen, mit welcher Sprache ich mich identifiziere? Doing!
  • Warum sagst du Muttersprache? Doing Doing Doing!

Warum tun alle so, als wäre jeder*m  sonnenklar, was mit ‚Muttersprache‘ gemeint ist? Will keine*r zugeben,  dass wir es selbst nicht wissen? Die fragende Person mir gegenüber ist  vollkommen überfordert, sobald ich um eine klar formulierte  Fragestellung bitte. Jedes Mal.

Liest man sich die diversen  Definitionen von ‚Muttersprache‘ durch, erkennt man, dass auch die  maßstabgebenden Institutionen nur so tun als ob. Denn eine Definition  soll per se erklären, was gemeint ist und hierfür den Gegenstand der  Untersuchung klar von anderen abgrenzen. Da aber die ‚Muttersprache‘  anscheinend alles oder nichts sein kann, und nur im seltensten Fall  allein die Sprache der Mutter oder die Sprache, die man von der Mutter  beigebracht bekommen hat, ist, entzieht sich mir der Sinn diesen  abstrakten Begriff definieren und weiterhin so nennen zu wollen.

In der Sprachwissenschaft wird davon ausgegangen, dass der Begriff ‚Muttersprache‘ vom Lateinischen lingua materna abgeleitet wurde, womit nicht die öffentlich genutzte Hoch- und  Schriftsprache gemeint war, sondern die Sprache, die im familiären  Kontext genutzt wurde, vergleichbar mit der heutigen ‚Umgangssprache‘.  Der Ausdruck beruht auf der Vorstellung, dass diese Sprache nicht nur  aber hauptsächlich im Umgang mit der Mutter erworben wurde. Der  identifizierende Charakter der Muttersprache rührt vermutlich auch  daher. Trotzdem ist das alles nicht schlüssig. So heißt es doch  ‚Muttersprache‘ aber auch ‚Vaterland‘. Niemand käme auf die Idee  ‚Vatersprache‘ und ‚Mutterland‘ zu sagen (sorry, @Verband binationaler  Familien und Partnerschaften, aber mach dir nichts vor). Apropos: Wer  sagt denn noch Vaterland? Was das angeht, war es anscheinend  gesellschaftlich konform genug das klobige Wort gegen Heimat(land)  einzutauschen. Warum also immer auf der Muttersprache rumreiten?

Wie auch immer es dazu gekommen ist, fest steht: Der Ausdruck  ‚Muttersprache‘ passt ungefähr so gut ins heutige Zeitalter  wie die  Dinos.

An Alternativen mangelt es nicht. In  der Linguistik spricht man beispielsweise von der Erst- oder  Zweitsprache, abgekürzt L1, L2 …LX usw.. Dabei geht es um den  chronologischen Spracherwerb. Das wäre also ein passender Terminus um  die Frage Welche Sprache hast du zuerst gelernt? zu  beantworten. Oft ergibt sich daraus, dass die L1 auch die Sprache ist,  die man am besten beherrscht, aber das muss nicht unbedingt so sein,  beispielsweise wenn man L2 zwar erst später im Lauf seines Lebens  erlernt hat, diese aber sehr viel mehr Raum in Leben des Sprechenden  eingenommen hat, z.B. durch Schule, soziales Umfeld etc. und L1 im  familiären Kontext bleibt.

Im Englischen gibt es den neutralen Ausdruck Native Speaker oder Native Language. Was bedeutet, dass diese Sprache seit dem Kleinkindalter erlernt bzw. gesprochen wird.

Und dann gibt es auch noch den GER,  den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen. Er teilt die  unterschiedlichen Niveaus von A1 bis C2 ein. Dieser Referenzrahmen wird  für international gültige Zertifikate zum Nachweis des schulischen oder  akademischen Spracherwerbs genutzt, kommt aber auch häufig in  Stellenausschreibungen vor, in denen ein gewisses Sprachniveau  erforderlich ist. C2 entspricht der Native Language, also das, was die Leute intuitiv als Muttersprache bezeichnen.

Das Punkt ist: Der Begriff  ‚Muttersprache‘ ist nur für die Menschen eindeutig und somit praktisch  im Gebrauch, die einsprachig aufgewachsen sind und andere Sprachen  während der Ausbildung erlernt haben. Für sie ist es einfach  beispielsweise im Urlaub zu sagen „Ich komme aus Deutschland, meine  Muttersprache ist Deutsch“. Natürlich bleibt auch diesen  Menschen noch die Reflexion offen, ob dahinter wirklich die Mutter steht  oder nicht, tatsächlich scheint das aber nur die wenigsten zu stören,  immerhin wissen ja ‚alle‘ was ‚damit gemeint ist‘, Mama hin oder her.  Für alle anderen jedoch, also mehrsprachige Personen, die wirklich eine  Einteilung aus rein praktischen Gründen gebrauchen könnten, taugt  ‚Muttersprache‘ nichts.

Die UNESCO meint mit Muttersprache die Sprache, mit der man sich identifiziert. Auf ihrer Website heißt es: Historisch  nimmt der Tag der Muttersprache Bezug auf den 21. Februar 1952. Damals  protestierte die Bevölkerung der pakistanischen Provinz Bengalen gegen  die Einführung von Urdu als Amtssprache. Das in der Bevölkerung weit  verbreitete Bengali sollte hingegen zurückgedrängt werden. Fast 20 Jahre  später wurde Ost-Bengalen unabhängig und führte Bengali als Amtssprache  ein. Der Staat heißt heute Bangladesch. Diese Geschichte steht  beispielhaft für die Bedeutung sprachlicher Vielfalt.

Alle diversen Konstrukte, die mit  ‚Muttersprache‘ gemeint sind oder sein könnten,  unter diesem einem  Begriff zusammenzufassen – nach dem Motto ‚das haben wir ja immer schon  so gemacht‘ – hat für mich nichts mit der Bedeutung sprachlicher  Vielfalt zu tun. Im Gegenteil, es zwängt sprachliche Diversität in  Konzepte, in die sie nicht passen. Gerade eine Institution wie die  UNCESCO könnte und sollte doch neue zeitgemäße Maßstäbe setzen. Der  Hashtag-Motherlanguageday ließe sich doch so einfach durch #nativelanguageday ersetzen? Auch in der heiligen Deutschen Sprache, um deren Verfall so  viele bangen, gibt es genug Alternativen. Neben Erst- und Zweitsprache  oder Primär- und Sekundärsprache, könnte man Heimatssprache,  Landessprache, Haupt- und Nebensprache, Familiensprache usw. nutzen.

Also bitte, wenn ihr das nächste Mal ‚Muttersprache‘ hört oder sagt, denkt an das innere Dino-Baby.

Doing!

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