Episode #3 – Die Pasta Bibel 

16.08.2021 Lesezeit: 3 Minuten

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Spaghetti Carbonara mit Sahne oder Pizza Hawaii können nicht nur Shitstorms auslösen, sondern auch Freundschaften zerstören und in Gewalt eskalieren. Glaubst du nicht? Dann solltest du dir unbedingt dieses Video ansehen und diesem Instagram Account folgen, und du wirst den Ernst der Lage verstehen…

Manchmal frage ich mich: Stirbt jedes Mal irgendwo ein*e Italiener*in, wenn jemand Spaghetti vor dem Kochen durchbricht, nicht wartet bis das Nudelwasser kocht, oder sie – einmal auf dem Teller – mit dem Messer durchschneidet? Oder ist das nur überzogener Stolz? Eins ist auf jeden Fall klar: Kompromissbereitschaft von Italiener*innen bei italienischem Essen ist nicht existent. Nur, woher sollen Menschen ohne Italien-Bezug die goldenen Regeln der Pasta Bibel kennen? Und, wieso gibt es sowas nicht als gebundenes Werk zu kaufen?

Wenn immer ich das Schaben eines Messers auf einem Teller Pasta zu hören glaube oder das Knacken durchgebrochener Spaghetti den Raum erfüllt, macht sich alles in mir bereit, um die Missetäter*innen zu tadeln. Aber, ich weiß auch Dialog führen ist wichtig, sonst kommen wir nicht voran. Deswegen, hier ein paar Basic-Auszüge aus der Bibel, um bei deinen Freund*innen aus bella Italia zu punkten:

  • Nicht jede Nudelsorte passt zu jeder Soße. Nicht jede Nudelsorte schmeckt gleich. Ja, auch wenn sich die Nudeln nur in der Form unterscheiden und die Inhaltsstoffe die gleichen sind.
  • Fisch niemals mit Milchprodukten (bedeutet auch kein Parmesan auf Spaghetti mit Venusmuscheln)
  • Kein Hühnchen zur Pasta. Grund gibt’s nicht, ist einfach so. Auf der Pizza wollen wir es übrigens auch nicht.
  • Pasta, einmal serviert, wird nicht nachgesalzen. Auch wenn Salz fehlt. Weil: Wenn mensch die Nudeln nicht richtig beim Kochen gesalzen hat, schmeckt man die ungesalzene Pasta im Unterschied mit der gesalzenen Soße nur noch mehr raus. Das heißt: Obacht beim Salzen des Nudelwassers!
  • Kein Parmesan bei aglio & oglio. Denn auch wenn es besser schmecken würde, das Auge isst mit und wir wollen eine ölige Soße ohne Parmesan-Klumpen, die den eleganten Anblick des Gerichts versauen.
  • Italiener*innen sagen nicht Bolognese, es heißt eigentlich “Ragou”. In die “Bolognese” kommt auch keine Sahne, sondern Karotten.
  • Bloß keine Sahne in die Carbonara!!!! Und erst recht keine Zwiebel.
  • Kein Löffel für Nudeln. Weder um Spaghetti aufzurollen, noch um die Pasta in den Schlund zu schauffeln. Ein bisschen Stil muss schon sein, also greif bitte zur Gabel. Und lass das Messer gleich stecken.
  • Barilla ist der letzte Abfuck unter den Nudelmagnaten. Wenn du gute Pasta willst, nimm De Decco, Rummo, Divella oder andere, aber Barilla wird dich stets als Allmann outen.
  • Es gibt keinen “italienischen Nudelsalat”. Egal wie viel Rucola, Kirschtomaten, Büffelmozzarella, Parmesan, Pinienkerne und gebratenes Gemüse du rein schnippelst, Italiener*innen essen keine kalten Nudeln.

Ein kleiner Exkurs, der über die Pasta Bibel hinausgeht:

  • Pizza Hawaii? Natürlich nicht. Süß-salzig-Mix mögen wir nicht, außer für zwei Ausnahmen: Pizza Nutella und Prosciutto e melone
  • Cappucino nach dem Essen? Niemals! Cappuccino gibt’s nur zum Frühstück, nach dem Essen soll ein Espresso die Verdauung ankurbeln. Und ja, auch abends. Und ja, wir können dann trotzdem schlafen.
  • Parmaschinken und Burrata zum Frühstück in deinem Lieblingscafé, wo du das Frühstück “Toskana” bestellst? Bitte….Zum Frühstück gibt es einen Biscotto oder ein mit Creme gefülltes Cornetto – also etwas Süßes. Geh’ uns bitte weg mit Wurst und Käse!
  • Giotto? Gibt’s in Italien nicht.

Der nicht-italienische-Mensch kann diesen kulinarischen Ehrenkodex nur dann erlernen, wenn er die spöttisch-mahnenden Blicke über sich ergehen lässt und anschließend schuldbewusst vor der Erhabenheit italienischer Kochkunst niederkniet. Ich bin mir sicher, man könnte einen Haufen Kohle mit der Pasta Bibel machen und die Deutschen (und alle anderen, die es falsch machen, ganz vorne mit dabei USA und Frankreich) würden sich darüber freuen.

Ich sollte diese Idee eiligst patentieren lassen und ich werde eine gefeierte Bestsellerautorin. Aber, wie werde ich auf die Journalist*innen reagieren, die eines Tages vor meinem Haus campen, und mich mit meinem Geheimnis, das sie irgendwo ausgebuddelt haben, konfrontieren? Wie soll ich mein über Jahre erarbeitetes Image dann noch retten?

Denn die Wahrheit ist : Ich finde Nudelsalat geil. Besonders den italienischen. Ich lasse non-stop Parmesan über meine Pasta schneien und ich rolle meine Spaghetti mit dem Löffel, weil ich keine Lust habe, Russisch Roulette mit der Tomatensoße und meinem weißen T-shirt zu spielen. Ich habe sogar schon oft genug Toast Hawaii gegessen, also wäre theoretisch vielleicht auch Pizza…basta!

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