Mehrsprachigkeit: Fakten und Mythen

Was bedeutet es wirklich mehrsprachig aufzuwachsen und was ist Klischee? Ich habe mich mit einer anonymen Online-Umfrage bei 50 Teilnehmer*innen umgehört.

Die Menschen, die ich befragt habe, sind mit ganz unterschiedlichen Sprachen aufgewachsen, darunter Arabisch, Italienisch, Französisch, Spanisch, Englisch, Türkisch, Russisch, Litauisch, Kroatisch, Katalanisch, Portugiesisch, Vietnamesisch und Deutsch. (Anmerkung: In diesem Text geht es um Mehrsprachigkeit, die im Kindes- bzw. Jugendalter geprägt wurde und mit dem familiären Kontext zu tun hat. Es geht nicht um Mehrsprachigkeit, die durch eigene Entscheidung und Spracherwerb im Erwachsenenalter bedingt ist)

Mythos 1: Beide Sprachen gleichgut sprechen

Ein hartnäckiger Irrglaube, der sich sowohl bei einsprachig aufgewachsenen Menschen als auch unter Mehrsprachler*innen hält: Man* müsse alle Sprachen gleich gut sprechen. Und wenn dem nicht so ist, ist es die eigene Schuld. Man* hat versagt. Um die Antwort so kurz wie möglich zu fassen: Nein.

Man* wird nicht zweisprachig geboren. Die Sprachen, die ein Mensch im Verlauf seines Lebens sprechen wird, müssen erlernt werden. Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund erleben starken Druck beiden Sprachen und Kulturen, die sie umgeben, gerecht zu werden. Dieser Druck, der oft vom einsprachigem Umfeld ausgeübt wird, ist deplatziert. Hört man eine Sprache non-stop, ist aber nie in einer Situation, die es erfordern würde, die Sprache auch aktiv zu sprechen, ist es die logische Konsequenz diese Sprache passiv zu beherrschen: Man versteht alles oder viel, könnte es aber selber nicht so ausdrücken. Die Verantwortung von aktiver oder passiver Mehrsprachigkeit liegt also nie bei den Kindern und immer bei den Eltern oder den Personen, die diese Kinder großziehen.

In zwei (oder mehr) Sprachen sprechen, schreiben, Witze reißen und gleichzeitig Diskussionen führen, gelingt nur den Wenigsten. Familiärer oder professioneller Kontext, einfache oder schwierige Sprache, Dialekt oder Hochsprache – je nachdem in welchem Umfeld und mit welchen Bezugspersonen wir eine Sprache erlernen, fällt unsere Redegewandtheit ganz unterschiedlich aus. Es ist also völlig normal mit zwei oder mehr Sprachen aufzuwachsen, sie aber unterschiedlich „gut“ zu beherrschen. In der Umfrage wird der Mythos sehr eindrucksvoll widerlegt: Nur 5% behaupten, sich auf beiden Sprachen gleichwohl zu fühlen und sie gleich gut zu sprechen.

Übrigens: Es kann auch völlig normal sein, einen Akzent in der Sprache zu haben, die weniger Raum in der Lebensrealität eingenommen hat. Die Teilnehmer*innen geben an, dass sich die Unterschiede des Sprachniveaus vor allem beim Wortschatz und bei der Grammatik bemerkbar machen. Tendenziell fällt ihnen das Schreiben in der Zweitsprache schwerer als das Sprechen.

Mythos 2: Eine Sprache muss zuhause erlernt werden, die andere in der Schule

Hinter der Mehrsprachigkeit von Kindern steckt oft ein Umzug bzw. Migration, Eltern mit gemischten Nationalitäten und Kulturen, Flucht oder eine andere persönliche Motivation der Familie.

Manchmal stellen sich Eltern die Frage „Wie erziehe ich mein Kind zweisprachig?“. Aber oft ergibt sich diese Frage schlicht nicht, da die Eltern nur eine Sprache beherrschen. Die zweite Sprache des Kindes kommt somit aus dem Umfeld. Laut der Umfrage ist das häufigste Zusammenspiel der Spracherwerbsorte tatsächlich das von Elternhaus und Schule. Das heißt aber noch lange nicht, dass dies das einzige Erfolgsrezept zur Mehrsprachigkeit ist. Auch Kontakt zu anderen Kindern, Musik, Fernsehen bzw. Medien im Allgemeinen oder der Umgang mit anderen Familienmitgliedern tragen dazu bei, eine Sprache zu erlernen und eine Kultur zu erleben. Exemplarische Zitate aus der Umfrage:

My mother taught me French and my father German.
My parents taught me arabic and my everyday life taught me Italian
My parents thought me French at home. I learned German at school, with my friends and tv.
Mother – Russian; grandparents, other relatives and friends – Lithuanian
My mother taught me Spanish, my father French, I lived in Brazil and learned Portuguese, then moved to the US and learned English
My parents taught me French andy grand mother Spanish
First, I learned Russian, than my family moved and I learned German at the age of 10

Mythos 3: Mehrsprachig aufwachsen ist (immer) ein Vorteil

Oft hört man* Sprüche wie „Wow, ich wäre auch gern mehrsprachig aufgewachsen“, „Das bringt dir bestimmt viele Vorteile im Job“, „Ist ja normal, dass du allgemein gut mit Sprachen kannst“. Das mag oft stimmen und es ist auch total verständlich, dass dieses Thema vor allem bei einsprachig aufgewachsenen Menschen Faszination auslöst. Dass es aber auch Schattenseiten hinter diesem „Vorteil“ gibt, ist vielen nicht klar. Zitate aus der Umfrage zeigen, wie herausfordernd der eigene Umgang mit Mehrsprachigkeit sein kann:

Me being able to speak English and Spanish has helped me get hired for different jobs. It’s also helped me with services (restaurants, airports, etc) if I spoke with someone in spanish but in an english speaking place. But growing up, my family and I faced some discrimination by people mocking our accent (especially my mom’s), people treated me and our family differently from others
Yes, job opportunities, especially while working in the tourism sector. With speaking 2 languages a lot people ask you about your origin and are really curious about your private life. can be a bit strange…discrimination especially during childhood and school, regarding the names of my family members
Negative consequences exist. People can think you show off, or that you’re a priviledged, so I hid my knowledge of languages for 10 years. Now I’m starting to teach English and Spanish.
Not really, I worked at a nursing home with no Spanish speakers. Discrimination by my boss who tried to overload me with overtime because of my Spanish heritage and more workload when I refused to work overtime.
More attractiveness for the job; embarrassing situations in private life

Kommentare sind nur für Mitglieder zugänglich. Nimm an der Diskussion teil …