Jagen auf Korsika

Einen vegetarischen bzw. veganen Lifestyle unterstützen, sich aber gleichzeitig für die Jagd interessieren? Das geht. Für die Magazingeschichte des Schweizer Journals Jagd und Natur war ich in der korsischen Macchie, der dort typischen Vegetation, unterwegs. Und bin total erstaunt: Als überzeugte Anti-Jagd-Flexitarierin habe ich blutrünstiger Jäger*innen erwartet, aber stattdessen vor Ort eine Tradition entdeckt, die viel über die korsische Kultur und Geschichte verrät und nur wenig mit dem europäischen Jagdbild zu tun hat.

Ich ernähre mich zu – ich sag‘ mal – zu 90% des Jahres vegetarisch. Fleisch esse ich zu besonderen Gelegenheiten, z.B. wenn mein Vater (ein begnadeter Koch) Lieblingsspeisen aus meiner Kindheit zubereitet, mein Freund einen Fisch selbst angelt, wenn es im Restaurant nichts anderes gibt (für das sich Geld zu zahlen lohnt) oder ich Bekannten/Freunden keine Last sein will. Fisch-und Fleischprodukte kaufe ich aber nicht mehr. Das hat verschiedene Gründe: Empathie und Kuschelfaktor spielen sicherlich eine Rolle, aber ich habe auch einfach zu viele Dokus gesehen (oder gerade genug). Denn, seit ich den größeren Zusammenhang zwischen Klimawandel, Umweltkatastrophen, abnehmender Biodiversität und Fleisch- bzw. Fischkonsum verstanden zu habe, bekomme ich Tiere einfach nur noch schwer runter.

Gleichzeitig interessiere ich mich seit ein paar Jahren für die Jagd. Sich sein Essen selbst aus dem Wald besorgen anstatt einkaufen zu gehen, finde ich einfach spannend.

Ein paar Zahlen

Laut dem Deutschen Jagdverband besitzen so viele Deutsche wie nie zuvor einen Jagdschein, 397.000 Menschen waren es in den Jahren 2019/2020. Das mag zunächst viel klingen, aber im Vergleich zur gesamten deutschen Population macht das nur ein halbes Prozent. Frankreichs Zahlen relativieren das nochmal zusätzlich: Laut den französischen Behörden gibt es fünf Millionen Jägerinnen und Jäger, wobei „nur“ 1 023 000 als ‚aktiv‘ gemeldet sind. Somit steht Frankreich neben Italien (700 000) und Spanien (980 000) an der europäischen Spitze. Korsika zählt 18.000 Jäger*innen bei einer Gesamtpopulation von ca. 340.000 Menschen.

Ein moralisches Dilemma

Je mehr ich mich mit der Jagd beschäftige, desto häufiger rutsche ich von einem moralischen Dilemma in’s Nächste. Muss man im Jahr 2021 wirklich noch jagen? Wie viel Eingriff des Menschen, „Naturschutz“ durch „Regulierung des Wildbestandes und Schutz des Waldes“ braucht es wirklich? Kann sich die Natur nicht selbst regulieren? Kann man aber Jäger*innen wirklich verurteilen, während man Bekannten und Familienangehörigen, die industrielles Fleisch konsumieren, keinen Vorwurf macht bzw. sie nicht mit seinen Meinungen behelligt, während man leichtfertig dazu bereit ist, unter die Youtube Videos von Freizeitjäger*innen seine emotionsgeladene Meinung abzugeben? Wenn man die Jagd als gerechtfertigte Lebensmittelbeschaffung in Form von unbehandeltem Wildbrett betrachtet, was ist dann mit der Jagd von Füchsen oder anderen Tieren, deren Fleisch nicht zur Ernährung genutzt wird?

Im Tierschutzgesetz steht, dass niemand ohne vernünftigen Grund Tiere töten oder ihnen Leid zufügen darf. Ist es ein vernünftiger Grund, Geweihe als Trophäensammlung an die Wand zu hängen, Pelzmäntel zu fabrizieren? Die Jagd hat sogar eine eigene Sprache. Man spricht von „erlegen“ statt schießen, „aufbrechen“ statt ausnehmen, „Stück“ statt Tier. Hat ein bisschen was von einem elitären Hobby für reiche Adelige, die sich im Versailler Wald amüsieren. Muss das sein? Braucht es neben Förstern, die auch Berufsjäger sind, wirklich noch Freizeitjäger?

Ein moralischer Fragensumpf, auf den ich bis heute keine Antwort habe und auch nicht den Anspruch an mich stelle, diese zu finden. Was ich aber gefunden habe und was mein Interesse dauerhaft aufrecht hält, ist das Universum der Jagd und die Dimensionen, die dazu gehören: Spuren lesen, Vogelstimmen erkennen, Jagdhundbellen analysieren, stundenlang in der Natur ausharren, ohne dass etwas passiert. Weidmannsglück – also Erfolg bei der Jagd und ein erschossenes Tier – hat man nicht so oft, laut Studien nur jedes zehnte Mal. Ich bin nach diversen Jagdtrips begeistert und erschüttert zugleich. Und ich empfehle jedem, der mal Fleisch gegessen hat oder gerne Fleisch isst, einen Jäger oder eine Jägerin zu begleiten und den Prozess vom „Erlegen“ bis zum „Aufbruch“ mitzumachen – denn, wer das nicht ertragen kann, sollte sich vielleicht doch nochmal genauer mit der industriellen Fleischproduktion auseinandersetzen.

Zurück nach Korsika: Auf der Lauer

Während die Jagd oft als Hobby reicher Männer mit eleganter Tracht, blutrünstigen Hunden, Jagdhorn und manchmal sogar teuren Rassepferden assoziiert wird, geht es auf der Mittelmeerinsel Korsika weit aus bescheidener zu. Eine Flinte und einen Jagdhund braucht es, mehr nicht. Vielleicht eine Schachtel Zigaretten, denn die Jagdausflüge, die ich erlebt habe, waren stets von Qualm begleitet.

Der Cursinu

Eine eigene, also endemische Jagdhundrasse für eine Insel ist schon ungewöhnlich. Erstmals kommt er in der Literatur des 16. Jahrhunderts vor und wird als polyvalentes Arbeitstier beschrieben. Er bewacht Häuser und Grundstücke, hütet die Schafe und jagt Wildschweine. Das Wort cursinu ist eine Erfindung der Volkssprache und bedeutet ‚korsischer Hund‘. Man findet ihn überall auf der Insel, aber besonders häufig wird man ihm in den Bergdörfern begegnen.(Foto © Rachel Bacciochi)

Das Wildschwein

Dieses Tier hat einen besonderen Stellenwert auf der Insel. Neben dem berühmten Kopf ist das Wildschwein das inoffizielle Wahrzeichen Korsikas. Den Behörden ist es seit jeher unmöglich den Bestand des Tiere zu dokumentieren, da sie oft von Gebiet zu Gebiet ziehen. Tatsächlich beruht die Schätzung von 2 Millionen Individuen in ganz Frankreich auf der Zahl der durch die Jagd getöteten Tiere. Auf Korsika sterben laut der Lokalzeitung Corse matin jedes Jahr ca. 20 000 Wildschweine durch die Jagd. (Foto von Pixabay)

A battuta: Die Treibjagd

Typisch für Korsika ist die organisierte Treibjagd, auf korsisch a battuta. Dafür kommt eine Gruppe an Jäger*innen zusammen und teilt sich in Treiber*innen und Schütz*innen auf. Die Schütz*innen postieren sich an der Schusslinie, während die Treiber*innen den Hunden durch den Wald folgen und versuchen das Wild in Richtung der Schusslinie zu scheuchen. Die Treiber*innen schießen also in der Regel nicht, außer es besteht Gefahr, dass die Hunde von Wildschweinen verletzt werden oder sich das Wild zu weit von der Schusslinie entfernt. (Foto © Giorgia Grimaldi)

Die Macchie

Die Macchie auf Korsika ist mehr als einfach nur ein Wald oder ein Jagdrevier. Denn diese Vegetation ist Zeugin der unsteten Vergangenheit der Insel. Kriege, Belagerungen, politisches Ping Pong zwischen Italien und Frankreich, Piraten und auch Krankheiten wie die Malaria beeinträchtigten über Jahrhunderte hinweg maßgeblich die lokale Entwicklung. Alle, die während dieser Unruhen ein sicheres Versteck suchten, fanden hier Zuflucht und hinterließen in Bunkern und Ruinen bis heute sichtbare Spuren. Darüber hinaus bot diese Vegetation fruchtbares Land für den Ackerbau und Weide für das Vieh. Als Garant für die eigene Unabhängigkeit war und ist dieser Wald Teil der korsischen Identität. (Foto © Giorgia Grimaldi)

Waidmannsheil

Die Tradition auf Korsika besagt, dass ein erlegtes Tier mit Hilfe der Jagdgesellschaft ausgenommen (in der Jagdsprache „aufgebrochen“) und anschließend in gleich große Stücke unter den Dorfbewohner*innen aufgeteilt wird. Ragou oder Wildschweinsalami gehören zu den lokalen Delikatessen. Aber nicht selten findet man auch Messergriffe oder anderes Werkzeug, das aus den Hauern (den Stoßzähnen) gefertigt wird. Das Besondere: Sobald sich eine erfolgreiche Jagd rumgesprochen hat, ist das ganze Dorf auf den Beinen. Die Kinder werden mit dieser Tradition groß, erleben es als normal, versuchen sich bereits im jugendlichem Alter mit der Flinte. Das erklärt vielleicht den Pathos rund um die Jagd, den ich während meiner Recherche durchweg erlebt habe. (Foto © Giorgia Grimaldi)

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