2. Kapitel

(Falls du es noch nicht gelesen hast: Kapitel 1)

Fiene öffnet die Tür und erschrickt zutiefst. Das ist nicht Lisas Zimmer, das ist auch nicht Lisa. Fiene steht in einem anderen Raum und ein Junge in ihrem Alter schaut sie an: „Was machst du denn hier?“, fragt er und sieht sie neugierig an.

Fiene hält den Atem an und weicht ein Stück zurück. Entgeistert schaut sie den Jungen an, der in diesem anderen Zimmer sitzt. Wer ist dieser Typ? „Was… wie…“ stammelt sie und spürt ihr rasendes Herz, so schnell und heftig hat es noch nie geschlagen. Der Junge schaut sie nun etwas besorgt an: „Ist alles ok bei dir?“

Panisch vergrößern sich Fienes Augen und nach einigen Momenten des Schweigens kommt seine Frage langsam in ihrem Gehirn an. Ob alles ok ist? Alles OK?! Nichts ist ok. Es könnte nicht weniger ok sein, als in diesem Moment. Sie schaut noch einmal zurück in den Flur. Ist sie wirklich noch in ihrem Zuhause? Ja, das ist sie. Im Flur hängen die Bilder ihrer Familie und das ist eindeutig Lisas Zimmertür. Lisa!

„Wo ist meine Schwester?“ schreit sie und funkelt den Jungen an. „Was? Deine Schwester? Ehm… keine Ahnung“, sagt er und streicht sich verwirrt die schwarzen Locken aus der Stirn: „Was machst du denn hier in meinem Zimmer?“ Fiene starrt ihn irritiert an: „Dein Zimmer? Dein Zimmer? Das ist Lisas Zimmer, also hier ist es eigentlich…. und Lisa sollte hier sein!“ „Lisa ist also deine Schwester und sie sollte hier bei mir sein?“, fragt der Junge- "Nein, sie sollte nicht bei dir sein! Ihr Zimmer sollte hier sein und sie sollte hier in ihrem eigenen Bett liegen!“, antwortet Fiene und ihre Stimme wird immer lauter. „Okay, okay, ganz ruhig... komm, ich bringe dich wieder raus und dann finden wir auch deine Schwester.“, sagt er und steht von seinem Stuhl auf. Fiene merkt ihm an, dass er ihr kein Wort glaubt und sie höchstwahrscheinlich nur für ein verwirrtes Mädchen hält.

Er kommt auf Fiene zu, die auf den Flur zurückweicht. Zum einen um ihm Platz zu machen und zum anderen möchte sie lieber noch Abstand zwischen sich und diesem Fremden haben. Ihr Herz rast immer noch und sie ist auf der Hut: Was ist das für ein Junge? Eigentlich wirkt er ganz harmlos und nett. Er erreicht den Türrahmen: „Was zum…“ flüstert er und seine Augen werden tellergroß. Fiene spürt einen Funken Genugtuung, von wegen verwirrtes Mädchen! Aber dieser Funke funkelt nicht lang. Sie sieht Angst in seinem Blick aufsteigen und er fragt mit atemloser Stimme: „Was ist hier los? Was passiert hier?“ Es ist ihm anzusehen, dass er immer panischer wird. Verrückterweise lässt seine Panik Fiene wieder ruhiger werden. Es scheint fast, als wäre ihr wild klopfendes Herz mehr mit Mitgefühl ihm gegenüber beschäftigt als mit ihrer eigenen Angst. Ihr Herzschlag beruhigt sich allmählich und sie fragt ihn: „Alles ok bei dir?“ Sie kann es nicht lassen, das ein wenig ironisch zu sagen, weil bei ihm bestimmt auch gerade nichts ok ist. Der Junge schaut sie an und seine Angst verschwindet langsam aus seinem Blick und Verwirrung macht sich breit. „Nein, es ist wirklich nichts ok.“

„Du weißt also auch nicht, was hier vor sich geht und wo meine Schwester ist?“, fragt sie ihn und sucht seinen Blick. Zum ersten Mal schauen sie sich direkt ins Gesicht und Fiene ist überrascht über seine strahlend blauen Augen. „Deine Schwester? Ne, keine Ahnung.“, antwortet er und zieht die Schultern hoch. Der Junge schaut sich ängstlich im Flur um: „Ich würde tatsächlich auch erstmal gerne wissen, wo ich bin bevor ich weiß wo deine Schwester ist. Wo bin ich hier?“ Er dreht sich wieder zu Fiene und schaut sie fragend an. „Naja, also du bist bei mir Zuhause“ sagt Fiene und zeigt mit ihrer Hand auf den Flur und die Bilder an der Wand. Ihr Herz schlägt nun wieder fast normal. Von dem Jungen scheint keine Gefahr auszugehen und es wirkt so, als wüsste auch er nicht, was gerade passiert. Ihre Schwester Lisa hatte schon immer gesagt, dass Fiene zu schnell anderen Menschen vertraut und sie besser sieht als sie es tatsächlich sind. Aber naja, Lisa ist ja gerade nicht mehr da.

„Wer bist du denn? Ich heiße Mirko.“, sagt er und hält ihr mit einem unsicheren Lächeln seine Hand hin. Zögernd reicht Fiene ihm ihre Hand: „Ich bin Fiene.“ Beim Händeschütteln merkt Fiene, dass seine Hand angenehm warm ist und hofft, dass er nicht merkt wie schwitzig ihre Hand ist. Immer wenn sie aufgeregt ist, fängt sie so an zu schwitzen. Gut, jetzt gibt es gerade wichtigere Dinge. Sie lösen ihre Hände wieder voneinander und Mirko sieht sich im Flur um: „Das ist so abgefahren. Ich bin eigentlich bei mir Zuhause - also in meinem Zimmer, also ich bin ja auch in meinem Zimmer aber mein Zimmer ist nicht Zuhause!“

Fiene strahlt auf einmal auf: „Ich habe eine Idee. Geh du einfach mal wieder ein dein Zimmer, ich mache die Tür zu und vielleicht ist dann alles einfach wieder wie vorher. Ok?“ „Ok, lass uns das machen“, stimmt Mirko zu, dreht sich auf dem Absatz um und setzt sich wieder auf seinen Stuhl: „Hoffentlich nicht bis bald“, sagt er und hebt verschmitzt lächelnd seine Hand zum Abschied. „Ja, hoffentlich nicht. Ich mache jetzt die Tür zu“, antwortet Fiene, tritt ein Stück zurück und greift nach der Tür. Mit einem leisen Klacken schließt sich die Tür und Fiene nimmt einen tiefen Atemzug. Was war das denn Verrücktes? Vielleicht hatte sie sich das alles ja auch nur eingebildet. Bestimmt ist Lisa noch in ihrem Bett und Fiene wird sie gleich wieder sehen. „Vielleicht träume ich ja auch? Aber es fühlt sich so echt an. Ich glaube nicht, dass es ein Traum ist.“ Fiene atmet noch einmal tief ein, legt ihre Hand auf den Türgriff und öffnet mit einem Ruck die Tür. Mist, da sitzt Mirko immer noch. „Es hat nicht geklappt“, sagt er.

Er schaut Fiene an und scheint auf eine Erklärung von ihr zu hoffen. „Das ist wirklich so verrückt“, bestätigt sie und kann aber auch keine Erklärung finden. Sie atmet wieder tief aus und sagt dann zu Mirko: „Komm, wir gehen runter in die Küche und trinken erstmal einen Tee.“ Mirko schaut noch einmal in sein Zimmer und nickt dann zustimmend mit dem Kopf: „Ja, lass uns das machen.“

Fiene und Mirko gehen die Treppe im Flur herunter und kommen in die Küche. Dort steht immer noch die Schale von Fienes Frühstück. Es ist ein komisches und fast befremdliches Gefühl diese Schale zu sehen, als ob der Morgen schon Ewigkeiten her ist. Fiene lässt Wasser aus dem Wasserhahn in den Wasserkocher fließen und stellt ihn an. Mirko schaut sich derweil um und Fiene muss ein wenig schmunzeln. Er wirkt wie ein Rehkitz, das neugierig aber gleichzeitig auch super verschreckt zum ersten Mal die Welt erkundet. „Magst du Pfefferminze? Sie ist aus unserem Garten“, fragt Fiene und öffnet die schöne grüne Dose, die sie im Urlaub an der Ostsee gekauft haben, und zeigt ihm die frische Minze. „Ja, gerne. Danke.“, antwortet Mirko und setzt sich auf einen der Barhocker am Tresen. Fiene nimmt einige Blätter aus der Dose und lässt sie in die Teekanne fallen. Das Wasser ist noch am Aufkochen, die beiden schweigen und lächeln sich nur ab und zu an. Weder Fiene noch Mirko wissen was sie sagen sollen. Was sollen sie auch sagen? Sich über das Wetter zu unterhalten wäre ja jetzt auch komisch. Fiene ist erleichtert als endlich das Wasser kocht und sie etwas zu tun hat, als sie das Wasser über die Minze schüttet. Sie reicht Mirko eine Tasse, setzt sich auf den Barhocker neben ihn und stellt ihre eigene dampfende Teetasse vor sich.

„Wo ist denn dein eigentliches Zuhause?“, fragt Fiene und nimmt einen Schluck von ihrem Tee. Mirko nimmt auch einen Schluck Tee und antwortet dann: „Also mein Zimmer ist eigentlich in unserem Schloss in Lagiton.“ Fiene schaut ihn amüsiert an: „Du lebst in einem Schloss? Bist du ein Prinz oder was?“ Mirkos Gesichtszüge werden ernst: „Nein, kein Prinz. Ich bin einer der letzten Drachenjungen“, antwortet er. „Einer der letzten… was? Was soll das sein?“, fragt Fiene und ist sich zum zweiten Mal an diesem Morgen nicht sicher, ob sie das alles gerade nicht einfach nur träumt. „Du weißt nicht was die Drachenjungen sind? Die kennt doch jede*r in Ramshut.“ Mirko sieht Fiene an und sieht ihren verständnislosen Blick. Langsam dämmert es ihm und eine Erkenntnis blitzt in seinem Gesicht auf. „Sind wir hier nicht in Ramshut?“, fragt er und wirft einen Blick aus dem Küchenfenster, als könnte er dort etwas erkennen. „Nein, wir sind nicht in Ramshut und ich weiß auch nicht wo das sein soll. Ich habe diesen Namen noch nie gehört.“, sagt Fiene und schaut Mirko fragend an. Er seufzt und antwortet: „Ramshut ist der Name meiner Welt und bis heute Morgen dachte ich, dass das die einzige Welt ist. Aber anscheinend bin ich hier in einer anderen Welt. Wie heißt denn deine Welt hier?“ Fiene überlegt und sagt: „Naja, einfach Welt. Es ist halt die Welt. Wir sind hier in Deutschland und unser Dorf heißt Swanemünd.“ Mirko runzelt die Stirn: „Eure Welt hat keinen Namen?“ „Okay, man könnte ‚Erde‘ als Namen nehmen aber so ein richtiger Name ist das eigentlich nicht.“, sagt Fiene und denkt darüber nach, dass es eigentlich echt komisch ist, dass die Welt keinen Namen hat. „Aber erzähl mal, was bedeutet es, dass du ein Drachenjunge bist?“, fragt sie Mirko.

„Ich zeige es dir.“, sagt Mirko, kneift die Augen zusammen und dreht sich einmal um seine eigene Achse. Nichts passiert. Mirko schaut auf seine Hände und seinen Körper herunter und schaut danach ungläubig Fiene wieder an: „Eigentlich sollte ich ein Drache geworden sein. Warte, ich mache es noch mal.“ Wieder dreht er sich um seine eigene Achse. Wieder passiert nichts. Fiene lacht auf und spottet: „Ja genau, verwandle du dich mal. Ich versuche in der Zeit wirklich herauszufinden was passiert ist und meine Schwester zurückzuholen.“ Mirkos Gesicht läuft rot an und er schaut beschämt auf den Boden. „Nein, ich bin wirklich ein Drachenjunge. Ich weiß auch nicht, was gerade los ist.“ „Ja ja, genau und ich bin eine Krötenhexe. Klappt nur gerade nicht aber sonst natürlich immer“, lacht Fiene weiter und ihre braunen Augen spritzen vor Ironie.

Mirko sieht sie verständnislos an: „Wenn du eine Krötenhexe wärst, wäre das gar nicht lustig. Du weißt wie gefährlich sie sind, oder? Vor allem für Drachenjungen.“ Fiene schaut ihn an und wartet darauf, dass er mit ihr lacht und ruft: „Haha ja, veräppelt!“ Aber es kommt nichts. Sie ruft: „Aber es gibt keine Krötenhexen! Ich habe das Wort gerade erfunden!“, und schaut ihn herausfordernd an, dass er endlich mitlacht. Mirko lacht nicht mit. Im Gegenteil, er steht auf und sagt brüsk: „Komm, wir gehen noch mal zum Zimmer. Irgendwie müssen wir es doch schaffen, dass ich zurückkomme, die Zimmer wieder tauschen und deine Schwester wieder hier her kommt.“ Fiene steht ebenfalls auf und nickt. Schweigend gehen sie die Treppe zum Zimmer wieder hoch und auf halber Treppe sagt Fiene: „Tut mir leid, das hat dich anscheinend verletzt, was ich gesagt habe.“ Mirko bleibt auf der obersten Stufe stehen und wendet sich ihr zu: „Schon okay, mir tut es auch leid, dass ich so empfindlich reagiert habe. Es ist nur so, dass unsere Lage als Drachenmenschen echt prekär ist in Ramshut und ich mir echt Sorgen mache.“

Er schaut Fiene an und ihr fallen wieder seine krass blauen Augen auf. Sie gehen die letzten Stufen herauf und stehen wieder vor Lisas (oder Mirkos?) Zimmertür. „Komm, wir schauen ob wir etwas in meinem Zimmer finden, was uns Hinweise darauf gibt, was passiert ist.“, sagt Mirko.

Fine öffnete die Tür und bleibt wie angewurzelt stehen. „Was… Das kann nicht sein!“ Mirko stellt sich neben sie in den Türrahmen und wird bleich. Sein Zimmer ist nicht mehr da und es ist ganz eindeutig das Zimmer eines Mädchens. Fine erkennt es sofort: Es ist Lisas Zimmer, der Raum hat sich zurückverwandelt.

„Oh mein Gott Lisa, bist du da?“ Fine betritt hektisch das Zimmer und blickt sich suchend um. Aber Lisa ist nicht da. Sie schaut Mirko verzweifelt an, der noch im Türrahmen steht: „Sie ist nicht hier.“ Sie folgt seinem Blick und sieht ein Bild, das nicht in Lisas Zimmer gehört. Es zeigt eine grüne hügelige Landschaft mit zwei gepflegten Hütten und einem Meer im Hintergrund.

„Was ist das für ein Bild? Was macht es hier? Und wo ist Lisa?“

„Ich weiß nicht wo Lisa ist. Aber ich kenne dieses Bild. Es ist aus meiner Welt und ich habe es gemalt.“

Fiene schaut Mirko entgeistert an: „Du hast das Bild gemalt? Aber wie kommt es hier her?“ Mirko zuckt mit den Schultern: „Ich habe es vor ein paar Jahren gemalt und es ist in der Nähe von unserem Schloss Lagiton. In der Hütte leben zwei Fischerfamilien. Es ist einer meiner Lieblingsorte in Ramshut. Dort gehe ich immer hin, wenn mein Vater… ach egal“ unterbricht er sich selbst und errötet: „Warum erzähle ich dir das?“ Fiene antwortet leise: „Ich mag das, wenn du von dir erzählst“, aber so leise, dass Mirko es nicht hören kann.

Er tritt auf das Bild mit den beiden Hütten und dem Meer im Hintergrund zu und beugt sich nah daran heran. Fiene tritt auch auf das Bild zu und bewundert wie die Farben ineinander spielen: „Das ist wirklich schön das Bild. Es strahlt eine unglaubliche Ruhe aus.“ Mirko sieht sie an und antwortet: „Genau deswegen mag ich diesen Ort so und ich habe versucht die Ruhe in dem Bild zum Ausdruck zu bringen.“ Er hebt seine Hand und zeigt auf eine Stelle des grünen Hügels, der relativ viel Farbauftrag hat: „Das nennt man Impasto, wenn man die Farbe recht dick aufträgt. Ich mag das so gerne, weil es dem Bild mehr Tiefe verleiht.“ Er berührt die Farbe aber anstatt dass der Finger auf dem Impasto liegen bleibt, gleitet sein Finger einfach weiter. Erschrocken sieht er Fiene an und sie starrt zurück. „Hast du das gerade auch gesehen?“, fragt Mirko sie und Fiene nickt. Fiene hebt ihre Hand und führt ihren Finger an das Bild. Sanft will sie es auflegen, aber sobald ihr Finger das Bild berührt, verschwindet er im Bild. „Es fühlt sich an, als würde ich meinen Finger durch einen Vorhang mit kaltem Wasser schieben.“, sagt sie und schaut Mirko an. „Ja genau, so ist es bei mir auch.“

„Sollen wir gemeinsam mal mit dem Kopf durch?“, fragt Fiene ihn und zunächst schaut er skeptisch. Nach ein paar Sekunden nickt er aber: „Okay. Komm.“ Er reicht ihr seine Hand, sie ergreift sie und gleichzeitig stecken sie ihren Kopf durch das Bild.

Es fühlt sich an, als würden sie durch einen Wasserfall gehen und Fiene schließt die Augen. Sie spürt wie Mirko nicht nur seinen Kopf durchsteckt sondern auch einen Fuß vorsetzt. „Okay, los gehts.“, denkt sie sich und folgt ihm.

Fiene öffnet die Augen wieder und sieht die beiden Hütten in Ramshut. Aber sie sieht sie nicht auf einem Bild sondern sie sind wirklich vor ihr. Im Hintergrund hört Fiene das Meer rauschen und sie kann die Meeresluft riechen. Möwen krächzen über ihr und der Wind zerzaust ihr das Haar. „Das ist ja krass.“, sagt sie und schmeckt die Salzluft auf ihrer Zunge.

„Lisa ist bestimmt hier in Ramshut, ich muss sie finden. Hilfst du mir?“, sagt sie und schaut Mirko fragend an. „Natürlich helfe ich dir. Wir finden deine Schwester und bringen euch beide sicher zurück.“

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