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Narrative und 500 € für Arbeiten in Freiheit

Zum Jahresende werde ich 500 € an die Reporter ohne Grenzen spenden. Und zwar nicht ganz uneigennützig. Dazu später. 

Newsletter vom 23. Oktober 2022

In dieser Woche hatte ich nach zwei Jahren mein erstes (und vorerst letztes) Präsenz-Seminar "Professionell online schreiben" in München. Was soll ich sagen? Es war ein wenig gruselig, mit neun Teilnehmer:innen zwei Tage lang einen Raum zu teilen. Doch – da waren wir uns einig – es hat richtig viel Spaß gemacht. Selbstverständlich war der Austausch und damit der Lerneffekt für alle intensiver als der stundenlange Blick auf einen Bildschirm.

Und es war inspirierend – für mich. Der intensive Austausch eines Seminars lässt auch mich meine Arbeit aus neuen Blickwinkeln sehen. Am Ende lief ich mit schnell drehenden Gedankenspiralen rund um "Narrative" nach Hause. Ich weiß gar nicht mehr, warum. Denn das war kein ausgeprägtes Thema im Seminar gewesen.

Jedenfalls vertiefte ich mich in diese Spiralen. Und so habe ich in den vergangenen zwei Tagen viel über die allgegenwärtige Präsenz von Narrativen, ihre Wirkung und, wie sie entstehen gelernt.

Worum geht es?

Häufig werden Narrative als komplette Geschichte mit Anfang, Mittelteil und Ende beschrieben. Oder gar als umfassende Heldenreise. Ich denke, sie können viel reduzierter daher kommen. Manchmal ist ein Narrativ einfach nur ein gutes Bild, das in unser Gesamtbild der Welt passt.

So ist es etwa ein hervorragendes Narrativ, dass "wir" im Winter alle frieren werden. "Wenn nicht [dies oder das] passiert, werden wir im Winter frieren" oder anders gesagt: "Winter is cominig". Und schon erzählt uns unser Gehirn Geschichten von in Lumpen gewickelten, ausgemergelten Menschen. Das Narrativ funktioniert. Jedenfalls besser als die Komplexität, die hinter dem Narrativ "Atomkraft bringt uns ja gar nicht so viel" steckt – eine faktenbasierte, aber langatmige Erzählung. In dieser spielen Prozentzahlen eine Rolle und Brennstäbe, die erst bestellt und womöglich erst im Frühjahr 2024 (!) geliefert werden. Ein Weiterbetrieb wäre also auch im nächsten Winter wenig einleuchtend.

Und so steht ein starkes gegen ein schwaches Narrativ. Welches gewinnt?

Ich will damit nicht die Atom-Debatte in den Newsletter tragen. Ich will aber ein Beispiel machen:

  • Das Narrativ "frieren im Winter" ist so wirkmächtig, weil es sehr einfach, klar und in unserem Gehirn vorgefertigt bereitliegt.
  • Das Narrativ "bringt doch wenig" ist schwach, weil es kompliziert erklärt werden muss und lediglich über Fakten funktioniert.

Leider müssen wir Menschen zugeben, dass wir uns mit Fakten schwertun und unser Gehirn Geschichten voller Emotionen und Erinnerungen an alte Neandertaler-Tage erzählt. Siehe auch "Schnelles Denken, langsames Denken" von Daniel Kahnemann.

Wie viel Eisen hat Spinat?

Ein zweites Beispiel: Bis vor wenigen Jahren galt Spinat als extrem reich an Eisen. Ohne zu hinterfragen, ob Eisen besonders gesund für uns sei, mussten also Generationen von Kindern viel Spinat essen. Motiviert nur vom Matrosen Popeye, der durch das Gemüse Monsterkräfte entwickelte. Das Narrativ "Spinat enthält viel Eisen. Eisen macht stark. Spinat schmeckt zwar nicht, ist aber gesund" hat lange Zeit perfekt funktioniert.

Dieses Narrativ wäre durch bloße Laborwerte etwa der Gesellschaft für Ernährung kaum verändert werden können. Aber ein  wirkmächtigeres Narrativ konnte mehr überzeugen. Und das geht so: Die ursprüngliche Messung war falsch! Der Physiologe Gustav von Bunge untersuchte 1890 den Nährwert von Spinat und kam auf einen Eisengehalt von 35 mg pro 100 g Spinat. Allerdings hatte er getrockneten Spinat untersucht und frischer Spinat besteht zu 90 Prozent aus Wasser. Der Eisengehalt war also falsch angegeben.

Diese Geschichte ist deshalb stärker, weil darin ein Mensch mit Fehlern agiert und wir den getrockneten Spinat vor uns auf einer alten Waage liegen sehen. Und so sich dann dieses Narrativv herumgesprochen und wenn du heute einem Menschen das Wort "Spinat" sagst, wird er dir die neue Geschichte erzählen. Versuche es mal.

Was heißt das nun für uns Autor:innen?

Die Konsequenz daraus ist einfach zu sehen – aber schwer in der Umsetzung: Wir können unsere Botschaft in ein mächtiges Narrativ packen – dann wird sie verstanden.

Dabei spielen wohl Menschen, Einfachheit, unsere Vergangenheit als Menschenaffen und eine intuitive Erfassbarkeit eine Rolle. Wie genau, weiß ich nicht – aber ich will es wissen. Und das bringt zu der Überschrift des Newsletters zurück:

500 € für meine Freiheit!

Ich habe mir selbst die Möglichkeit genommen, mich damit in Ruhe mit Narrativen zu beschäftigen: Denn seit nunmehr einigen Monaten schreibe ich wöchentlich diesen Newslettter, liefere darin meine Gedanken und neue Artikel  bei euch ab. Ganz bewusst, um dranzubleiben, habe ich dafür ein Payment-Modell eingeführt – das einige von euch gebucht haben. Vielen Dank dafür.

Doch heute spüre ich die Fesseln, die ich mir damit selbst und ohne Not angelegt habe: Statt jede Woche produktiv zu sein, möchte ich gelegentlich meine Ruhe vor dem Produktionsdruck sein, um längere Gedanken zu entwickeln.

Deshalb werde ich mich davon freikaufen! Wenn ich jede Woche einen Artikel und einen Newsletter schreibe, habe ich zu wenig Zeit für mein kreatives Spielbein. Und wenn ich von euch Geld verlange, muss ich liefern. Selbst, wenn ich das Geld verdopple und spende.

Also: Ich hatte euch versprochen, dass ich die Einnahmen verdopple und an die Reporter ohne Grenzen spende. Mit 500 €, die ich heute spende, habe ich eure Gebühren mehr als verdoppelt und fühle mich damit frei. Wer die Mitgliedschaft gebucht hat, möge sie wieder kündigen (das kann ich für euch nicht tun, auch ein Bug von Steady). Und ein anderes Paket ist nicht mehr buchbar.

Der Newsletter hier bleibt euch erhalten. Er wird on nun an unregelmäßiger kommen. Oder anders. Ich weiß es noch nicht und ich werde das teils spontan entscheiden.

Was noch?

Bis bald!

Eric

P.s.: Den Fehler in dem Bild oben hast du gesehen. Oder?

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