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nar·ra·tiv (I)

Ich melde mich mit einigen Gedanken zum "Narrativ". Erstens weil ich mittlerweile ein  schlechtes Gewissen habe. Und zweitens, weil es Zeit wird, meine Gedanken zu sortieren. Dabei hilft mir das Schreiben.

Vergangene Woche beim Wandern in der Nähe von Trostberg: Bei einer Papierfabrik riecht es sehr nach alten Geschichten. (Foto: Eric) 

Deshalb wundere dich nicht: Ich lege dieses Thema bewusst als Sammlung zum Weiterdenken an. Da Ihr, meine Abonnent:innen, größtenteils Autor:innen seid, bin ich mir sicher, dass ihr etwas damit anfangen könnt. 

Und noch eins: Beim Schreiben ist mir der Umfang des Themas entglitten. Deshalb portioniere ich das Thema in mindestens drei Teile. Es geht los mit dem  Einstieg. Überraschung.  

Von der Narration zum Narrativ

Vorab eine Begriffsklärung: Eine Narration ist eine Geschichte. Wenn sich Frodo mit seinen Freunden auf die Reise nach Mordor macht, beginnt seine Heldenreise und damit seine große Erzählung. Das Narrativ dahinter: Gemeinsam mit Freund:innen können auch kleine, schwache Menschen das Böse besiegen. Oder so ähnlich.

Anders gesagt: Die Narration ist die Geschichte, das Narrativ die Meta-Erzählung, die dahintersteckt.

Anders gesagt: Hinter jeder Story, also jedem Roman, jeder Fantasygeschichte und jedem guten Werbespot steckt eine Botschaft. Das ist das Narrativ, die Schwingung, die zwischen und über den Zeilen steckt. Adam und Eva sind aus dem Paradies geflogen, weil sie vom verbotenen Baum gegessen haben. Das ist die Story. Das Narrativ dahinter prägt noch heute unser Denken. Aber ich möchte nicht mit dem sogenannten Gendergaga anfangen – dazu später.

Wie wir denken

Wieso soll es nun wichtig sein, dass große und klein Geschichten von hintergründigen Botschaften getragen werden? Weil wir Menschen narrativ denken. Wir denken in Geschichten und nehmen damit auch die Schwingung dahinter auf.

Und dieses Denken in Narrativen ist radikal: Hätten wir alle Fakten der Welt vor uns liegen – würden wir trotzdem den Narrationen und Narrativen mehr glauben. Selbst wenn diese die Fakten teils ignorieren und teils leugnen. Die US-Politik, die Klimakatastrophe und der Erfolg von Unternehmen wie McDonalds sollen als Beweise dafür genügen.

Daniel Kahnemann beschreibt das in "Schnelles Denken, langsames Denken": In uns arbeiten zwei Systeme. Das eine ist schnell und intuitiv (also narrativ), das andere faktenbasiert und langsam. Wenn wir Zeit haben und uns ganz viel Mühe geben, können wir mit System zwei die Fakten wahrnehmen, bewerten und einsortieren. Das ist aber sehr mühselig. Deshalb schnappen wir nach der Story und sortieren diese in Nullkommanichts in unser narratives Gedächtnis ein. Das ist leicht und benötigt wenig Energie. Mit dem zwar objektiv zweifelhaften Ergebnis, dass wir einen Teil der Fakten nicht wahrnehmen und unsere tradierten Narrationen bestätigen. Das ist uns aber subjektiv egal, denn dadurch haben wir Energie gespart und können uns den nächsten unfassbaren Ereignissen (Krieg, Gendern, Tempolimit, Corona, Fußball-WM u.s.w.) zuwenden. Denn zu verarbeiten, gibt es mehr als möglich. Wenn unser System Eins also bei der Bewertung pfuscht, ist das eine vernünftige Überlebensstrategie. Jedenfalls für uns persönlich.

Für die Welt ist das allerdings ein echtes Problem: Denn die neuen Eindrücke können nur deshalb so fix einsortiert werden, weil das ziemlich unkritisch in unsere bestehende, ganz persönliche Sammlung von Narrationen und Narrativen erfolgt. Dort finden sich alle Geschichten und G'schichteln denen wir bisher gelauscht, die wir erlebt haben. Diese werden nicht ersetzt, sondern bestenfalls erweitert oder – trotz gegensätzlicher Fakten – bestätigt. Hier kommen einige Narrative, die wir mit der Muttermilch, der Bibel, von unseren Eltern, den Lehrer:innen und den Nachrichten der letzten Jahrzehnte aufgenommen haben:

  • Es wird schon nicht so schlimm.
  • Wachstum ist nötig.
  • Es gibt Katastrophen – aber immer nur woanders.
  • Leistung lohnt sich.
  • Mit Tempolimit sterben Millionen Arbeitsplätze.
  • Die Frau ist schuld am Sündenfall.
  • Stell dich nicht so an.
  • Das habe ich mir verdient.

Und so weiter. Du weißt, was ich meine. Über allem, sozusagen auf der Meta-Meta-Ebene, ist ein weiteres Narrativ zu finden – das es uns richtig schwer macht, unser Verhalten so zu ändern, wie wir es ändern sollten: die Heldenreise. Die Idee also, dass ein Held (!) durch einen Anlass seine gewohnte Welt verlässt, Abenteuer besteht, gegen den Drachen kämpft, diesen schließlich unter Aufbringung aller Kräfte besiegt und mit dem heilsamen Elixier zurückkehrt in eine fortan bessere Welt.

Diese Heldenreise (ja, hier gendere ich nicht) benötigt einen Helden, einen Anlass, einen Kampf, ein Elixier und führt dann zu einer besseren Welt. So funktionieren die grandiosen Geschichten, die erzählt werden. So wird die Welt gerettet. Das interessiert uns und unser System Eins.

Und was soll daran so schlimm sein? Weil wir nur die Welt retten, wenn wir alle (nicht ein Held), jetzt (nicht nach einem Anlass), hier bleiben (uns nicht auf die Reise machen), sparen und konsolidieren (nicht Abenteuer bestehen), unsere eigene Gier bekämpfen (keinen Drachen) und ohne Elixier in einer bestenfalls noch halbwegs erträglichen Welt weiter leben zu können.

Das ist weder spannend noch macht es Spaß und das Happy End ist bestenfalls mittelgut. Wer solche Geschichten erzählt, wird ignoriert. Wer den Helden spielt (Elon Musk) oder von einem Elixier (technische Entwicklungen oder Atommeiler) zischelt, vergiftet damit unser Gehirn. Dagegen sind Fakten leider keine gute Medizin. Leider.

Eine Lösung? Habe ich auch nicht. Das wäre auch ziemlich überraschend, gell? Immerhin – wenn ich mich auf mein eigentliches Geschäft konzentriere – kann ich die für uns Autor:innen wichtige Erkenntnis teilen:

Unsere Leser:innen nehmen die Geschichten und Narrative wahr – nicht die Fakten.

Immerhin: Sobald wir das wissen, können wir die Fakten in passende Narrative und Narrationen einbetten. Und wie geht das?

Was noch?

Eine "Studie" über Textlänge hat mich geärgert

Schickler, eine Unternehmensberatung, schreibt "Über 90% der in regionalen Newsportalen veröffentlichten Artikel sind zu kurz... oder: Schreibt länger, denn es gibt einen Zusammenhang zwischen Media Time und Artikellänge." Das ist natürlich Unsinn. Denn was die Unternehmenberater da festgestellt haben, ist eine (sogar ziemlich naheliegende) Korrelation. Aber sie verkaufen es als Kausalität und behaupten sogar, dass die optimale Länge einer Story 1.400 Wörter wären. Und zwar nach Analyse von 750.000 Artikeln auf regionalen Newsportalen. Erst nach 1.400 Wörtern stagniere die Lesezeit der Nutzer:innen und nehme dann ab. Gegenfrage: Sind möglicherweise Geschichten mit mehr als 1.400 Wörtern vielleicht einfach schlampiger geschrieben? Oder reichen vielleicht die 500 Wörter der kürzeren Stories einfach und eine Verlängerung würde die Nutzer:innen langweilen? Naja, lest selbst

Einstieg in Mastodon

Sascha Pallenberg hat ziemlich verständlich und ausführlich erklärt, wie der Einstieg bei dem potentiellen Twitter-Ersatz funktionieren kann. Ich komme da wohl auch nicht drumrum. 

Das war's dann mal für diese Woche. Den Stoff für die nächste habe ich ja schon. Bis dahin eine gute Zeit. 

Eric