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nar·ra·tiv (2) und mehr

Ich gebe zu, dass ich euch in den vergangenen Tagen vergessen habe. Es gab viel Arbeit zu tun. Deshalb huschhusch zu den Themen. Hier der zweite Teil zum Narrativ und zuvor ein paar andere Dinge.

Ein paar andere Dinge

1. Gute Zeit mit Mastodon

Bist du schon im Fediverse? Zur Begriffsklärung: Mastodon ist ein Teil des Fediverse. Das ist ein Netzwerk föderierter, voneinander unabhängiger sozialer Netzwerke, Mikroblogging-Systeme und Webseiten. Wir Normalos kennen nur Mastodon. Aber da gibt es noch mehr ...

Und mir gefällt es dort immer besser. Mastodon ist (immer noch) etwas unaufgeregter und informativer. Und, hey, der Einstieg ist gar nicht so schlimm, wie viele meinen. Hier eine gute Anleitung. Aber du musst dir einige Zeit nehmen, um interessanten Accounts zu folgen. Denn es gibt keine automatisch süchtig machende Timeline (was ja gut ist). 

Ich richte mich derzeit gemütlich ein und genieße es dabei, keine so schlimmen Unfälle wie den Account Julian Reichelt dort zu finden. Dafür aber viele Journalist:innen, Wissenschaftler:innen und Mediziner:innen mit viel schlauen Gedanken. Es fängt an, Spaß zu machen. Und ich freue mich auf dich (und werde dir ganz sicher auch folgen).

https://mastodon.social/@kubitz

Übrigens: Etwas leichter wird der Umstieg, wenn du dir die One-Sec-App für Twitter installierst. Das lindert die Sucht ein wenig da du vor jedem Start von Twitter gezwungen bist, einmal durchzuatmen  ...

2. Weniger desinformiert mit Newsguard

Weil unserer Seite eben geprüft wurde, habe ich Newsguard selbst getestet und bleibe dabei. Newsguard ist ein Bewertungsdienst aus New York, der auch hierzulande viele Webseiten auf ihre Vertrauenswürdigkeit prüft. Mit guten, alten Kriterien wie Quellenangaben, Änderungen, Finanzierung u.s.w..

Die ordentlich dokumentierten Informationen findest du dann in einem Browser-Addon und in den Google Suchergebnissen (siehe Bild). Die sind ein guter Hinweis, welcher Webseite zu vertrauen darfst. 

3. Gutes tun tut gut

Und dann habe ich mich sehr gefreut, dass ausgerechnet die Reporter ohne Grenzen mit einer sehr unterhaltsamen Aktion auf die fehlende Pressefreiheit rund um die gerade laufende WM aufmerksam gemacht haben. Das ist umso erfreulicher, weil ich neulich in eurem Auftrag den Reportern ohne Grenzen eine Spende geschickt habe. :-)

Übrigens schaue ich ganz sicher keine Spiele dieser WM. Aus vielen Gründen.

Und jetzt zum Narrativ

Woran erkenne ich eines?

Wenn ich die Narrative neulich als "Meta-Beschreibung" bezeichnet habe, war das ungenau. Ich weiß nur nicht, wie ich es  besser formulieren soll. Es ist der Sinn dahinter, die eigentliche Aussage, manchmal das Warum, der Küchenzuruf – die Schwingungen zwischen und über den Zeilen. Oder so:

Stell dir ein vom Sturm aufgepeitschtes Meer vor, meterhohe Wellen und Wasser von allen Seiten. Du stehst an der Reling des Segelbootes, hältst dich mit letzter Kraft daran fest und der Wind treibt dir den Regen in die Augen. Es fällt dir schwer, die Richtung zu erkennen, in die du treibst. Die Richtung, in die der ganze Ozean treibt. 

Szenenwechsel nur wenige Meter unter den Meeresspiegel. Wie erleben die Haie und das Plankton das Spiel der gewaltigen Winde? Die Antwort: gar nicht. Natürlich nicht! Sie bemerken nicht einmal, dass es stürmt. Sie bewegen sich weiterhin ruhig in der tiefen Strömung, wissen nicht einmal genau, wohin der Golfstrom sie bringen wird. Deine Wellen, dein Wind und deine Aufregung sind ihnen egal. Außer du beugst dich sturmgepeitscht über die Reling und fütterst sie.

Und trotz Wind und Wetter bringt der Golfstrom dich und die Haie auf lange Sicht in die selbe Richtung. Der Unterschied: Während deine Fahrt dorthin ziemlich spannend verläuft, führen die Meeresbewohner ein ruhiges, immer gleiches Leben. 

Übertragen wir das auf deine Erzählung bedeutet das: Der Golfstrom ist das Narrativ, also die grundlegende Richtung, die Idee. Der Sturm auf der Wasseroberfläche steht für deine erzählerischen Fähigkeiten, die Spannung, die Stoy. 

Also: Die Widrigkeiten, die Emotionen, der Spannungsbogen sind Mittel, um die Leser:innen an den Text zu fesseln. Und machen die Geschichte aufregend genug, weiter erzählt zu werden. Kein:e Segler:in wird NICHT von diesem Sturm erzählen. Doch die große Strömung darunter ist die eigentliche Erzählung. Das Narrativ.

Wie findest du also das Narrativ? Vermutlich, indem du tiefer hinabtauchst oder einen Schritt zurücktrittst und dir die Frage nach der grundsätzlich Richhtung stellst, wohin es eigentlich gehen soll. Hier drei Beispiele:

"Elon Musk kauft Twitter": In welcher Narration sieht sich Musk derzeit selbst und seine Fanboys? Vermutlich als der Held, der sich nach oben gearbeitet hat – und nun die Redefreiheit von den Fesseln der woken Gesellschaft befreit (übrigens: Wir müssen Narrative nicht mögen, um sie zu erkennen). Wie sehen ihn seine grünversifften (?) Gegner, die von einem baldigen Ende von Twitter reden? Am liebsten sehen sie ihn in einer Ikarus-Geschichte. Dazu in der nächsten Woche mehr.

"Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben": Sie hatten es doch so gut, die beiden Nackedeis im Paradies. Nur eine einzige Sache durften sie nicht: vom Apfelbaum essen. Doch dann hat die Schlange die Frau bequatscht und diese ihren Mann. Zack, sind sie rausgeflogen. Damit hat der ganze Schlamassel angefangen. Und das Narrativ dahinter? Vermutlich mehrere. Eines davon ist, dass die Frau die Schuld dafür trägt, dass der Kerl aus dem Paradies vertrieben wurde. 

"Burger King macht jetzt vegetarisch": sehr cool, sehr lässig, sehr verlogen. Natürlich erzählt die Kampagne "Normal oder mit Fleisch" ein sehr unterhaltsame Story über Burger King. Das funktioniert vermutlich in vielen Köpfen sogar. Aber was bekommst du, wenn du im Autobahn-Burger-King einen "normalen Hamburger" bestellst? Genau, einen normalen Hamburger. ;-) 

https://www.youtube.com/watch?v=AIT6caarVEo

Und jetzt zu den Hausaufgaben

Nun übe selbst: Was sind die Narrative der Klimaschützer:innen? Welches Narrativ verpackt die Fridays oder die letzte Generation? Ich denke, die Geschichten der beiden sind unterschiedlich zu erzählen. Was sind die Narrative hinter diesen drei Erzählungen:

  • Klimaschützer:innen fahren mit dem Zug nach Ägypten zur COP27.
  • Klimaschützer:innen kleben sich auf Straßen fest.
  • Klimaschützer:innen bewerfen Kunst mit Kartoffelbrei.

Auf deine gefundenen Narrative darin bin ich gespannt. Und ich will dir das deshalb zur Hausaufgabe geben, weil es so schwer ist. Denn während sich Musk, Trump und konservative Politiker:innen in Deutschand in den vermeintlichen Kampf werfen zur Rettung der individuellen Freiheit (KEIN Tempolimit) oder für die Mobilität von Krankenschwestern auf dem Lande (billiges Benzin)  – finden Klimaschützer keine Heldenreise.  Die ganze Welt retten? Alle sollen weniger konsumieren, damit es zukünftigen Generationen besser geht? Das ist keine Story! Das ist kein sspannender Segeltörn, der alle fesselt. Das ein langweiliger Tag an Deck bei grauem Wetter und Windstille. Ein Segeltörn, der niemanden interessiert und von dem niemand berichten wird.  

Lasst und also gemeinsam darüber nachdenken. Damit wir hoffentlich bald ein wirklich funktionierendes Narrativ finden, mit dem wir gegen die Erzählungen von Klimaleugner:innen anerzählen können. In der vergangenen Woche hat Markus Lanz – vermutllich ungewollt – ein ziemlich gutes Narrativ ins Spiel gebracht: Die Menschen haben sich schon immer an die Umwelt anpassen können. Warum denn jetzt nicht? 

Das ist völliger Blödsinn, das weiß er sicher selbst. Aber nun ist es raus und selbst, wer jetzt die Klimakatastrophe nicht in Frage stellt, hat nun ein super Narrativ, um nichts ändern zu können: "Wir werden uns schon anpassen können. Hat ja bisher immer funktioniert." Da kann die Wissenschaft noch so viele Daten haben. Gegen ein gutes Narrativ haben Daten keine Chance. 

Also brauchen wir Autor:innen und Erzähler:innen, die endlich gute Narrative finden. 

Wie das vielleicht gelingen kann, besprechen wir im nächsten und letzzten Teil dieser Serie. 

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